Erdställe, Irrgärten der Unterwelt

 


Engstellen sind charakteristisch für Erdställe. Um in den nächsten Abschnitt zu gelangen, muss man sich durch diese „Schlupfe“ zwängen.
 


Als Erdstall wird im nordöstlichen Alpenvorland ein im Mittelalter von Menschenhand geschaffenes unterirdisches, nicht ausgemauertes Gangsystem bezeichnet. „Erdstall“ bedeutet 'Stätte unter der Erde' oder 'Erd-Stollen' und hat mit einem Gebäude zur separaten Unterbringung der Haustiere (Viehstall) nichts zu tun.

Benennung

Der Volksmund nennt die Anlagen „unterirdische Gänge“ oder einfach „Geheimgänge“. Vor allem in Bayern ist die Bezeichnung „Schratzlloch“ verbreitet, da sie dem Volksglauben nach von Zwergen (Schratzl, Schrazel, Schranzen) gegraben wurden. Daneben kommen oft Bezeichnungen wie „Zwerg-“ oder „Quergloch“, in Oberösterreich „Grufen“, sowie mannigfache lokale Begriffe vor. Seit dem 19. Jahrhundert wurde der in Niederösterreich gebräuchliche Begriff „Erdstall“ in der Literatur vorherrschend.

Beschreibung

Die Gänge sind meist winkelig angeordnet, bis zu 60 cm breit und nur 1,0 bis 1,4 m hoch. In vielen Erdställen gibt es auch sogenannte Lampennischen sowie zumeist endständige kammerartige Erweiterungen und Sitznischen. Engstellen, die nur kriechend passiert werden können, werden als „Schlupf“ bezeichnet.

Erscheinungsformen

Zur Systematisierung wurde von Erdstallforschern eine grobe Kategorisierung der am häufigsten vorkommenden Bauformen vorgenommen:

  • Typ A besitzt einen längeren Hauptgang mit Durchschlupfen und Seitengängen.
  • Typ B erstreckt sich über mehrere Etagen, die durch vertikale Schlupfe miteinander verbunden sind. Auch ein mit einer Trockenmauer verschlossener Bauhilfsschacht ist anzutreffen. Am Ende des Ganges gibt es Sitznischen oder eine Raumerweiterung mit einer Sitzbank.
  • Typ C besitzt meist horizontale Schlupfe und am Ende oder mittendrin einen Rundgang, in dessen Bereich der Gang eine aufrechte Begehung zulässt.
  • Typ D weist Kammern auf, die durch Gänge miteinander verbunden sind. Die Engstellen dazwischen sind überwiegend horizontal angelegt.

Verbreitung

Erdställe gibt es in Bayern (über 700),Oberösterreich, Niederösterreich und vereinzelt in der Steiermark und im Burgenland. Ähnliche Anlagen kennt man auch in Badenwürttemberg, Sachsen-Anhalt, Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Die geographische Verbreitung der Erdställe hängt u. a. mit geologischen Bedingungen zusammen. Der Boden muss ausreichend fest und gut bearbeitbar sein. Entsprechende Bedingungen bietet etwa der Löss, Schlier, Lehn, Sandstein oder der sogenannte Flins (verwitterter Granit). In massivem Fels oder losem Schotter kommen Erdställe nicht vor.

Unterirdische Objekte in vergleichbarer Bauweise, aber anderer Zeitstellung und wahrscheinlich auch Funktion finden sich in Grossbritanien (besonders Schottland), Irland, Spanien und Frankreich, wo sie als Souterrain, Weem, Fogou oder Earthhouse bezeichnet werden.

Es gibt auch Sagen von unterirdischen Gängen, die einen Ort A mit einem mehrere Kilometer entfernten Ort B verbinden sollen. Erdställe dieser Länge gibt es jedoch nicht. Existierende Gangsysteme sind selten länger als 50 Meter. Wahrer Kern hinter derartigen Sagen ist aber oft, dass an beiden Orten ein Erdstall existiert.

Erdställe in Mähren
  • Zlabings: Erdställe unter mehreren Hausstellen der Wüstung Pfaffenschlag, in den 1970er Jahren archäologisch untersucht
Erdställe in Niederösterreich
  • Dürnkrut: Bei Kellersanierungsarbeiten entdeckter Erdstall.
  • Nonndorf (Stadt Raabs an der Thaya):  Sehr schöner und gut erhaltener Erdstall mit Rundgang unter einem Bauernhof.
  • Kleinzwettl: Erdstall mit Rundgang unter einer Wehrkirche.
  • Ruppersthal: Erdställe auf mehreren Grundstücken des Ortes.
  • Herrnbaumgarten: Mehrere Häuser besitzen einen Erdstall.
  • Gaweinstal: Bei einer Kellergrabung zufällig gefundener Erdstall.
  • Thaya: In einem Herrenhaus der Wüstung Hard
  • Althöflein: (Katastralgemeinde von Großkrut): Erdstallanlagen im Kapellenberg samt Erdstallmuseum.
Erdställe in Oberösterreich
  • Erdstall Tatgöbluckn in Perg
  • Erdstall unter dem Denkmalhof „Mittermayr“ im Freilichtmuseum Pelmberg, Gemeinde Hellmonsödt
  • Erdstall Flehlucka in der Gemeinde Wartberg
  • Erdstall beim Gasthof Populorum in der Gemeinde Bad Zell
  • Erdstall unter dem Gasthof Wösner in der Gemeinde Münzkirchen
  • Erdstall unter dem Bauernhaus Kleinmollsberg Nr. 2 in der Gemeinde Neustift im Mühlkreis
Erdställe in der Steiermark
Erdställe in Bayern
  • Teunz: Erdstall Höcherlmühle, 2002 auf freiem Feld entdeckt
  • Mitterschneidhart: Erdstall mit sich überkreuzenden Gängen unter einem Hof neben der Kirche, verfüllt im 15. Jahrhundert
  • Erdstall Doblberg bei Glonn
Erdställe in Baden-Württemberg
  • Erdstall Rot am See
  • Ringingen: Erdstall unter dem Brauhaus der Adlerbrauerei

Zeitstellung

Die Erdställe wurden während der Rodungs- und Besiedlungsperiode im Hochmittelalter errichtet. Sie sind etwa 800 bis 1000 Jahre alt. Anhand von Funden lässt sich bestimmen, wann die Erdställe errichtet und genutzt wurden.

Errichtung

Ein Holzkohlefund aus dem Bauhilfsschacht eines Erdstalls in Bad Zell (Oberösterreich) wurde mittels Radiokohlenstoffdatierung in die Zeit zwischen 1030 und 1210 datiert. Der Erdstall Höcherlmühle (Bayern) ist ebenfalls nach einer Datierung aus dem Bauschacht frühestens zwischen dem Ende des 10. und der Mitte des 11. Jahrhunderts n. Chr. gebaut worden. Da Bauhilfsschächte nur für die Errichtung eines Erdstalls angelegt und zugeschüttet wurden, sobald der Erdstall fertiggestellt war, kann angenommen werden, dass die Erdställe in dieser Zeit errichtet worden sind. Im Erdstall von Rot am See wurde ein Gang mit Steinblöcken nachträglich wieder zu einem Durchschlupf verengt, was nach einer Datierung der Lehmverfugung zwischen 1034 und 1268 n. Chr. geschehen ist.

Nutzung

Darüber hinaus ermöglichen Funde in Erdställen eine Aussage darüber, wann die Gänge von Menschen aufgesucht wurden.

  • Holzkohle aus dem Erdstall von Trebersdorf, die mittels Radiokohlenstoffdatierung datiert wurde, erbrachte ein Datum von 950 bis 1050.
  • Die Radiokohlenstoffdatierung von Proben aus dem Erdstall von Kühnried in Bayern zeigten ein Datum von 950 bis 1160.

In einem Erdstall in Pregarten im Bezirk Freistadt fanden sich an einem Gangende ein hölzerner Schemel, eine Feuerstelle und Keramik. Es handelt sich dabei um Bruchstücke von Gefäßen mit Bodenzeichen aus der Zeit um 1100. In einem Erdstall in der Gemeinde St. Agatha im Bezirk Grieskirchen fanden sich Keramikbruchstücke von Gefäßen des 12. Jahrhunderts.

Urkundliche Erwähnung

Die erste urkundliche Erwähnung der Bezeichnung „Erdstall“ stammt aus dem Jahr 1449. Im Urbar der Herrschaft Aspan an der Zaya ist ein Untertan namens Methl Huendl erwähnt, der für den 3 ½ Joch großen Acker „auf den erdstelln“ sechs Pfennig an die Herrschaft zu zahlen hat. Ein Untertan namens Tumeregker muss für sein 3 Joch großes Feld „auf den erdstelln“ ebenfalls sechs Pfennig an Abgabe entrichten.

Zweck

Der Zweck der Erdställe ist unklar. Es gibt zwei Thesen, die einander gegenüberstehen.

Kultstätten

Die Kultstätten-These geht davon aus, dass es sich bei Erdställen um symbolische Leergräber handelt. Solche Leergräber sollen von mittelalterlichen Siedlern am neuen Wohnort gegraben worden sein, um für die Seelen ihrer Ahnen ein neues, symbolisches Grab anzulegen, weil sie die alten Gräber zuvor an den alten Siedlungsorten zurücklassen mussten. Eine Variante ist die These von der „Seelenkammer“. Der 2007 verstorbene Heimatforscher Anton Haschner aus  Markt Indersdorf vermutete in den Erdställen einen vorübergehenden Aufenthaltsort der Seelen von Verstorbenen, an dem sie die „Wartezeit“ bis zum Jüngsten Gericht verbringen würden. Die Lebenden wollten damit vermeiden, dass die Verstorbenen Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten könnten. Erst als sich die theologische Vorstellung des Fegefeuer Ende des 11. Jahrhunderts herausbildete, hörten die Menschen damit auf, Erdställe zu errichten, da sie die Seelen nun sicher an einem jenseitigen Ort aufgehoben glaubten.

Gelegentlich wird als Argument für diese These angeführt, dass manche Erdställe spitzbogige Bauelemente aufweisen, was an sakrale Gebäude erinnere. Der im 13. Jahrhundert aufkommende Spitzbogen ist jedoch nicht auf Sakralbauten beschränkt, er findet sich als typisches stilistisch-konstruktives Element der gotischen Stilepoche genauso an den Profanbauten. Dem Bau-Element des Rundgangs am Ende mancher Erdstall-Anlagen lässt sich kein praktischer Nutzen zuschreiben.

Zufluchtsstätten

Dieser Vermutung steht die Zufluchtsstätten-These gegenüber. Dieser These zufolge wurden Erdställe als Verstecke angelegt, in denen gefährdete Personen etwa bei Überfällen „wie vom Erdboden verschluckt“ verschwinden konnten. Die wichtigsten Argumente, die für bzw. gegen die jeweiligen Thesen sprechen, sollen hier aufgeführt werden. Viele Erdställe weisen Bau-Elemente auf, die nur bei einer Deutung als Zufluchtsort sinnvoll erklärt werden können, etwa Verriegelungsvorrichtungen, die ausschließlich von innen bedient werden können. Auch Nischen, Bänke und Luftlöcher in Erdställen weisen auf die Verwendung durch Menschen hin.

Die für Erdställe typischen hautengen Schlupfe bewirken einen wirksamen Schutz gegen Eindringlinge. Die engen, winkeligen Gänge zwingen Eindringlinge, sich einzeln und in kriechender Stellung fortzubewegen. Beim Durchqueren der Engstelle ist ein Eindringling in seiner Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt und kann seine Hände nicht zu seiner Verteidigung verwenden. So sind Eindringlinge einem Verteidiger hilflos ausgeliefert und können sogar von einem deutlich schwächeren Gegner überwältigt werden. Die engen und leicht zu tarnenden Einstiege belegen die Geheimhaltung der Anlage.

Bei Überfällen ermöglicht der Erdstall ein rasches Verschwinden und Verstecken. Erdställe, die in direkter Verbindung mit mittelalterlichen Wehranlagen stehen und wesentlicher Bestandteil der Wehranlage sind, sprechen ebenfalls für die Zufluchtsstätten-These. Beispiele für derartige Erdstallanlagen finden sich unter dem Hausberg von Gaisenberg oder Großriedenthal (Niederösterreich), oder unter der Wehrkirche von Kleinzwettl (Niederösterreich, Bezirk Waidhofen an der Thaya). Von dieser Wehrkirche aus ist ein 52 Meter langes Gangsystem zugänglich.

Wenn auch nicht aus der Zeit ihrer Errichtung, so gibt es doch zahlreiche Belege, dass Erdställe zumindest später immer wieder als Zufluchtsanlagen genutzt wurden und dafür durchaus geeignet sind. Dass Erdställe für einen kurzen Aufenthalt geeignet sind, ist empirisch erwiesen. Drei Personen konnten bei einem Experiment problemlos 48 Stunden in einem Erdstall überleben.

Andererseits ist der Aufenthalt in Erdställen unbequem, in den Kammern kann ein Erwachsener meist nicht aufrecht stehen. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Kälte und Feuchtigkeit stellen eine erhebliche Belastung dar. Erdställe sind nur für einen kurzen Aufenthalt geeignet, weil die lebensnotwendige Nahrung mitgenommen werden muss. In Erdstallanlagen fehlt auch die Möglichkeit, Fäkalien zu entsorgen. Diese können bestenfalls vergraben werden.

Kranke, alte und zu dicke Menschen oder Schwangere können die engen Schlupfe nicht passieren. Die in Erdställen herrschende niedrige Temperatur kann wegen Sauerstoffmangels und Rauchbildung nicht durch ein Feuer erhöht werden. Wenn Plünderer den Eingang zu einem Erdstall entdeckt haben, hätten sie die Menschen im Erdstall ausräuchern oder zuschütten können, was für die im Erdstall Eingeschlossenen den Erstickungstod zur Folge gehabt hätte.

Zudem wurden in Erdställen kaum Artefakte gefunden, was gegen den Aufenthalt von Menschen spricht.

Erdstallforschung

Als Pionier der Erdstallforschung gilt der Benediktiner-Pater Lambert Karner (Stift Göttweig). Er untersuchte von 1879 bis 1903 zahlreiche Erdställe und publizierte seine Forschungsergebnisse in dem Buch „Künstliche Höhlen aus alter Zeit“. Karner führt in seinem Werk eine Reihe von Argumenten gegen die Fluchtwegtheorie an.

Der Heimatforscher Franz Xaver Kießling  beschäftigte sich speziell mit den Erdställen des Waldviertels (Nordwestliches Niederösterreich).

In Bayern setzte sich Karl Schwarzfischer ab 1950/60 ausgiebig mit Erdställen auseinander und gründete 1973 den Arbeitskreis für Erdstallforschung. Von ihm gingen durch seine Forschungen, Publikationen und einer breiten Öffentlichkeitsarbeit viele Impulse aus. Er gilt als der Wegbereiter der heute noch aktiven Erdstallforschung im deutschsprachigen Raum. Karl Schwarzfischer verstarb im September 2001. Der Arbeitskreis für Erdstallforschung mit Sitz in Roding (Bayern) koordiniert die Erdstallforschungen mit Ausgrabungen, Vermessungen und internationalen Treffen und publiziert seit 1975 in seinen Jahresheften Der Erdstall aktuelle Forschungsergebnisse.

Erst in den letzten Jahrzehnten werden Erdställe gelegentlich auch durch die zuständigen Denkmalpflegebehörden untersucht. Beispiele sind die Erdställe von Stützenhofen in Niederösterreich 1983, Rot am See in Baden-Württemberg 1990, Mitterschneidhart in Niederbayern 1991, und 2011 im oberbayerischen Glonn. Damit wird heute auch die denkmalpflegerische Bedeutung der Erdställe anerkannt.

Museen und öffentlich zugängliche Erdställe

Am Kapellenberg von Althöflein, Marktgemeinde Großkrut, in Niederösterreich gibt es ein Erdstallmuseum, bei dem auch die dortigen Erdställe besichtigt werden können. Außerdem ist im Kreismuseum Walderbach in der Oberpfalz eine Abteilung über Erdställe und Schrazellöcher integriert.

Im Rahmen einer Führung kann in Zwiesel (Bayern) ein unterirdisches Gangsystem besichtigt werden, dessen Ursprünge in Erdställen liegen.

Von 2010 bis 2012 wurde in Glentleiten, Passau und Kehlheim eine Wanderausstellung über Erdställe gezeigt.

Der Erdstall Ratgöbluckn  in Perg ist der größte begehbare Erdstall in Oberösterreich und gehört zu den Außenanlagen des Heimathaus-Stadtmuseum Perg.

Hier ein kleines Video 8:01 min.
vom Erdstall in Wehrkirchen Kleinzwettl von Servus TV

http://www.youtube.com/watch?v=fev_i7HTxxw


Quelle:http://de.wikipedia.org/wiki/Erdstall

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